Castor-Nachlese

Euphorisiert durch die Flut von Erfahrungen, die mir die Novembertage im Wendland geschenkt hatten, kam ich nach Hause und durchforstete nach oberflächlicher Schnellreinigung die Mediatheken der gängigen TV-Anstalten. Ich war gespannt auf Meldungen über Castor-Blockadeaktionen. Vor Allem suchte ich Szenen, die auf der Straße vor dem Atommüllzwischenlager oder im Camp von x-tausendmal quer in Gedelitz aufgenommen worden waren. Oh ja, ich fand Aufnahmen von Blockierern auf Strohsäcken, friedlich frierende Menschen in goldglänzende Rettungsfolien gehüllt auf hunderten Metern des letzten Streckenabschnittes für die elf nahenden Atommülltransporter. Sogar mich entdeckte ich und Gesichter von Mitgliedern meiner Bezugsgruppe, ich habe also nicht geträumt…

Das Gewicht der Meldungen lag aber doch auf den spektakuläreren Bildern, dem Schottern samt Polizeieinsatz, dem genial umgebauten Greenpeacelaster und der schon traditionellen Betonpyramide der wendländischen Bauern. Die Nachrichtengestalter wissen: Feuer sorgt auf jeden Fall für Dramatik, etwa acht Fotografen scharen sich im ansonsten anscheinend ruhigen Wald um eine brutzelnde Flamme auf einem Polizeipanzerwagen – eingefügt zwischen Rangeleiszenen an den Schienen gibt es dem Nachrichtenkonsumenten den leichten Schauer, den er für seine GEZ-Gebühren erwartet, aber ist das Flämmchen nicht etwas unspektakulär? Also noch ein bengalisches Feuer unters Fahrzeug legen – das macht sich bei entsprechender Belichtungszeit besonders gut… Ich will mich nicht darauf festlegen, dass die Situation inszeniert wurde (das mögen andere recherchieren), aber sie ist absolut ungeeignet die wahre Stimmung im Castorwiderstand 2010 zu vermitteln.

Während die gegenwärtige Regierung die Regeln der Parlamentarischen Demokratie zugunsten der großen Energiekonzerne verbiegt, wächst im Widerstand eine natürliche, nicht käufliche Demokratie, die hoffentlich ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen wird und so bezaubernd ist, dass man fast seufzen möchte: ach gäbe es doch jedes Wochenende eine Castorblockade! Dann hätte jeder Bürger die Chance einmal einen Schlafplatz im x-tausendmal-quer-Camp in Gedelitz oder auf Dannenbergs Esso-Wiese zu ergattern, um unversehens eine Lücke im Küchenbetrieb oder Sachspendensortieren zu schließen, wofür ihn niemand mit Lohn festnagelt, und Leistungen in Anspruch zu nehmen wie gesundes, schmackhaftes Essen und Beistand bei allen Problemen, ohne dass jemand Geld dafür fordert.

Da Vieles aber nicht ohne Geld funktioniert, haben „x-tausendmal quer“, „Bäuerliche Notgemeinschaft“, „ausgestrahlt“ und wie sie alle heißen Spendenkonten, die Du leicht findest, wenn Du sie suchst.

Ich bin sicher, dass viele Menschen ihren Protest nicht auf die Straße tragen, weil sie Angst vor einer Konfrontation mit der Staatsgewalt haben, noch dazu als Fremder unter Fremden. Aber sei versichert, Du gehst nicht verloren und wirst nicht in Situationen geworfen, die Du nicht willst, denn Du wirst geborgen sein in einer überschaubare Bezugsgruppe, die Konsensentscheidungen trifft. Die Bezugsgruppenfindung, aus jahrelanger Erfahrung zur Professionalität gereift, hat mich verblüfft. Einander fremde Neuankömmlinge sortieren sich nach verschiedenen Kriterien, welche die Moderatoren in den Raum stellen, und nach wenigen Minuten stehst Du in der Gruppe, die zu Dir passt!

Rolf Sievers (links) mit seiner Bezugsgruppe (Foto: Annette Blum)

Rolf Sievers (links) mit seiner Bezugsgruppe (Foto: Annette Blum)

Aus den jeweiligen Konsensentscheidungen, von GruppensprecherInnen zusammengetragen, resultiert auch die Stelle, die eine Bezugsgruppe während einer Aktion einnimmt, meinetwegen „Mitte des fünften Fingers“ oder „Spitze des zweiten Fingers“, je nach Selbstvertrauen. Meine Gruppe gehörte am Sonntag zum 5. Finger, der im nördlichen Teil des zu besetzenden Straßenabschnittes beim Zwischenlager eventuelle Polizeiketten durchfließen sollte – aber auf der ganzen Straße war die Polizei unterrepräsentiert, weil die Schienenstrecke die meisten Kräfte band und der Transport noch fern war. Wir hatten das Glück adrenalinsparend eine 400 Meter lange Strohmatratze auf den Asphalt legen zu können… Das Mittagessen, heiße Getränke und Dixieklos trafen auch bald ein, auch Kultur wurde geboten, vom Posaunenchor bis zum Techno-LKW, und als abends das erste Kondenswasser fror, tuckerte ein Trecker durch den Wald und brachte bejubelt ein paar Rundballen, aus denen sofort weitere Strohsäcke gestopft wurden. Über all die Feriencampstimmung vergaßen wir natürlich nicht, weshalb wir hier saßen, zumal Lautsprecher uns auf dem Laufenden hielten. Übrigens, nordwärts wäre noch ein Kilometer Platz zur Matratzenverlängerung gewesen!

Wir sehen uns im nächsten November!

Rolf Sievert

(x-tausendmalquer-Bezugsgruppenerzähler und spontaner redaktioneller Mitarbeiter)

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